Universitäten sind seit annähernd einem Jahrtausend ein Hort des Wissens. Ein Ort des Austausches der Ideen und Gedanken. Sie sind geprägt vom produktiven Nebeneinander einer Vielzahl stolzer Disziplinen, welche auf eine lange Geschichte zurückblicken können. Allen voran ist hierbei sicher die Theologie zu nennen, welche seit der Entstehung der Universitäten als Ordenshochschulen im Mittelalter meist die erste Fakultät bildete und sich ihrem Wesen nach mit den Inhalten einer spezifischen Glaubenslehre (im Unterschied zur Religionswissenschaft) auseinandersetzt. Sie ist, um mit einem der bekanntesten Söhne ihrer Zunft zu sprechen, der „Versuch des Gläubigen, sich selbst zu verstehen“.

 

Theologie und humanistik

Auch heute noch existieren in Deutschland annähernd 60 Forschungs- und Lehreinrichtungen der Theologie und Religionspädagogik, welche sich diesem Anliegen widmen. Sie dienen ebenso der akademischen Qualifikation für bekenntnisgeprägte Berufs- und Tätigkeitsfelder wie der Erforschung von Dogmatik und Ethik der jeweiligen religiösen Weltanschauungen.

Aus historischen Gründen sind die beiden christlichen Konfessionen als Hauptträger der Theologie in Deutschland hervorzuheben. In den vergangenen Jahren sind jedoch auch zunehmend weitere Religionsgemeinschaften durch staatliche Unterstützung in die Lage versetzt worden, theologische Lehrstühle oder Institute zu begründen. Hervorzuheben sind hierbei im Besonderen die jüdischen, muslimischen und alevitischen Traditionen, welche zunehmend an den Universitäten präsent sind und so der weltanschaulich-religiösen Heterogenität der bundesdeutschen Gesellschaft Rechnung tragen.

Umso irritierender ist gleichwohl die Feststellung, dass ausgerechnet der Humanismus, dessen Denker und Ideen Europa im Laufe der 2500-jährigen, abendländischen Historie in einem massiven Umfang mitgeprägt haben, an den Universitäten keinerlei Präsenz besitzt. Die Beschäftigung mit der Historie des humanistischen Gedanken ist ein Randfeld der Geschichtswissenschaften, seine gegenwärtige Praxis allenfalls das Interesse einer kleinen Gruppe von Religionssoziologen. Doch Hochschuleinrichtungen, die sich aus der Innenperspektive der Erforschung und Ausarbeitung des Humanismus als Weltanschauung widmen, welche also eine Humanistik als universitäre Disziplin begründen würden, existieren nicht.

 

Die Niederlande als Vorbild

Anders in den Niederlanden, in denen bereits seit 1989 Humanistik als ein staatlich anerkannter Studiengang, der, aufgegliedert in Bachelor- und Masterstudium, Humanistiker ausbildet, studiert werden kann. Diese arbeiten in einer Vielzahl von Feldern: Als Humanistische Berater, Lebenskundelehrer, Trainer, Coaches, Wissenschaftler oder Unternehmensberater, um nur einige Beispiele zu geben. Im Studium wird neben den theoretischen auch auf praktische Kompetenzen Wert gelegt. Grundlage und Inspiration für alle Aspekte des Studiums sind humanistische Werte und ihre Diskussion, wobei sich die Frage nach Sinngebung und Humanisierung als rote Fäden durch das Curriculum ziehen. In der Forschung wird der Fokus unter anderem auf kulturelle Dynamiken (Bildungsforschung und Globalisierungsforschung), Pflege und Wohlfahrt, sowie Fragen des sinnvollen Lebens und der Bedeutung und Entwicklung humanistischer Tradition gelegt.

Die verglichen mit Deutschland ausgesprochen progressive Situation unserer niederländischen Nachbarn, die oben beschrieben wurde, folgte aus der Berufung des Humanistischen Verbands auf seine Gleichberechtigung mit den theologischen Studiengängen in den Niederlanden in den 1980ern. Man mag sich dabei generell fragen, inwieweit Theologie im 21. Jahrhundert noch eine Berechtigung als Studienfach besitzt. Möchte man wissenschaftliche Minimalvoraussetzungen definieren, wird man um den Verzicht auf dogmatische Festlegung der Denkvoraussetzungen, die vorbehaltlose Bereitschaft zur Kritik hinsichtlich der eigenen Methoden und Ergebnisse, sowie des Zweifels als Erkenntnisprinzip schwerlich herumkommen. Dabei ist es nicht auf den ersten Blick evident, dass eine Disziplin wie die Theologie, die sich auf der nicht hinterfragbaren Annahme der Faktizität ihrer jeweiligen Offenbarung gründet, diese Kriterien zwangsläufig erfüllt. Hierbei handelt es sich um einen komplexen und vielschichtigen Diskurs, den wir an dieser Stelle nicht führen können und wollen. Letztlich obliegt es der Gesellschaft, zu entscheiden, ob und in welcher Form Theologie heute einen Platz an den Universitäten hat. Wir möchten jedoch in aller Klarheit darauf aufmerksam machen, dass solange Theologie an staatlichen Hochschulen einer Humanistik dieser ebenso zusteht.

 

Deutsche Humanismusforschung

Denn auch in Deutschland existiert eine lebendige und facettenreiche Humanismusforschung: So vereint die Giordano Bruno Stiftung eine Vielzahl von Akademikern unter dem Banner des Evolutionären Humanismus, welcher eine Brücke zwischen klassischem Humanismus und den Erkenntnissen der modernen Natur- und Sozialwissenschaften schlägt. Insbesondere die Arbeiten Michael Schmidt-Salomons sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) setzt sich intensiv mit der quantitativen Analyse der Ansichten, Überzeugungen und Lebensweisen konfessionsloser Menschen auseinander. Es existieren weiterhin die Schriftenreihen der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg und ein Humanismus-Kolloquium an der Freien Universität Berlin.

Ebenso reichhaltig ist die humanistische Praxis: In Berlin und Brandenburg sowie in Bayern stellt der Lebenskunde-Unterricht ein explizit humanistisch geprägtes Berufsfeld dar, das dem niederländischen „humanistisch vormingsonderwijs“ entspricht. Die Aus- und Weiterbildungsangebote des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg bereiten (angehende) Lehrkräfte darauf vor. Desweiteren und anders als in den Niederlanden, bildet in Berlin die Humanistische Fachschule für Sozialpädagogik staatlich geprüfte Erzieher aus, von denen ein großer Teil anschließend in Kitas des Humanistischen Verbandes arbeitet. Zahllose ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten darüber hinaus daran, die über hundertjährige Tradition der Jugendweihe oder Jugendfeier, welche sich insbesondere in Ostdeutschland als Alternative zu Konfirmation und Firmung hohem Zulauf erfreut, jedes Jahr aufs Neue fortzuführen. Und auch zum Lebensende hin ist humanistische Praxis von höchster Bedeutung: Die wachsende Zahl humanistischer Begräbnisredner kann bei weitem nicht den Bedarf decken, der in einer alternden Gesellschaft besteht.

Sowohl die humanistische Forschung wie auch die Ausbildung und Qualifizierung für bekenntnisgeprägte Berufs- und Tätigkeitsfelder könnte ihre Arbeit im Sinne eines signifikanten Teils der Gesellschaft in den klaren Strukturen einer akademischen Humanistik weit besser umsetzen, als dies bereits jetzt der Fall ist. Gegenwärtig steht allerdings noch kein eigenes Institut für Humanistik zur Verfügung. Wir halten es unter den gegebenen Vorzeichen für geboten, dass sich dieser Zustand ändert und der Humanistik der Raum eingeräumt wird, welcher ihr in der deutschen Gesellschaft zusteht.